| "... wenn eine Maschine zur Verfügung steht, welche durch
überzeugende Vorführung unter Beweis stellt, daß sie des
horizontalen Fluges fähig ist und einen Steuermann tragen kann."
Auszug: Schreiben vom Zeugamt der U.S. Armee 1905
Die Wrights waren Junggesellen und Söhne eines verwitweten
protestantischen Bischofs, der einer kleinen Sekte, den United Brethren vorstand.
Zur Familie gehörten noch der verheiratete Bruder Lorin und die von
allen innig geliebte Schwester Katharine, die den Wrightschen Haushalt mit
Umsicht leitete. Die religiöse Welt des Elternhauses prägte den
Charakter der beiden Brüder in zweierlei Hinsicht. Da war zunächst
die strenge und patriarchalische Ehrbarkeit des Vaters, der sie
Pflichtbewußtsein und Rechtschaffenheit lehrte. Ferner schrieben und
sprachen sie, da sie gleichsam mit der Bibel aufgewachsen waren, ein
ausgezeichnetes Englisch; einfach, klar und ausdrucksstark.
Das kam ihnen sehr zustatten, als sie mit ihren aeronautischen Studien
begannen und mit dem großen amerikanischen Luftfahrtpionier Octave
Chanute sowie einer im Lauf der Jahre wachsenden Zahl an ihren Projekten
interessierten oder beteiligter Männer in briefliche Verbindung traten.
Die Brüder erhielten die zu jener Zeit übliche Erziehung und gingen
dann ihrer eigenen Wege. Sie wurden erstklassige Mechaniker. Nachdem sie
ein gutgehendes Fahrradgeschäft aufgemacht hatten, konstruierten sie
ein hervorragendes Fahrrad und fertigten es in eigener Produktion. Die
technischen Kenntnisse, die sie hierbei erwarben, sollten ihnen später
von großem Nutzen sein, als sie sich mit dem Entwerfen und dem Bauen
von Flugzeugen beschäftigten.
Ebenso begabt zeigten sie sich bei der Erforschung aerodynamischer
Gesetze, deren Ergebnisse auch spätere Physiker und Aerodynamiker, wie
den Ungarn Theodor von Karman, noch in Erstaunen setzten. Tausende von Notizen,
Diagrammen und Briefen, von denen viele bis heute veröffentlicht wurden,
sind Beweis genug für die Begabung der Brüder Wirght. Fast ebenso
wichtig war ihr fliegerisches Talent, das beide Brüder in gleichem Maß
entwickelten. Sie waren nicht nur die ersten Menschen, die flogen, sondern
gleichzeitig auch die ersten wirklichen Piloten. Freunde der beiden
äußerten, daß er schwierig gewesen wäre zu entscheiden,
wer von ihnen der bessere Flieger war.
Durch die Veröffentlichungen der Flugversuche von
Lilienthal wurden die Gebrüder Orville(1871-1948) und Wilbur(1867-1912)
Wright auf die bemannte Fliegerei aufmerksam. Sie waren es auch die die Steuerung
durch eine Gewichtsverlagerung (wie es Lilienthal benutzte), durch ziehen
von Drähte, die die Querstabilität durch gegenläufiges Auf-
und Absenken der Flügelspitzen herstellten, ersetzten. Daraus entwickelte
sich das Querruder.
Ihr erster Gleiter wurde 1900 in Kill Devil Hills North Carolina (eine
Gegend mit gleichmäßigem steifem Wind, sanfte Hügeln und
weichen Landeflächen) erprobt und hatte verwindbare Tragflächen.
Gleiter Nr. 2 aus dem Jahre 1901 erwies sich als zu groß und zu schwer
zu beherrschen, und von da an verließen die Wrights sich nicht mehr
auf Lilienthals Studien, sondern führten eigene Untersuchungen durch,
bei denen sie auch Modelle von Flügelformen im Windkanal testeten.
Gleiter Nr.3 entstand im September 1902 und wurde auch gleich zum
Patent angemeldet. Als nächstes war die Frage des Antriebes relevant.
Sie bauten daraufhin Ihren eigenen wassergekühlten Vierzylindermotor,
und auch der Propeller entstand nach eigenen Experimenten. Über die
Sommermonate wurde in Kitty Hawk daraufhin Gleiter Nr. 3 auf den Einsatz
als Motorflugzeug umgebaut.
Schauplatz des ersten Motorfluges war die sandige, dem Wind ausgesetzte
Atlantikküste in den Dünen von Kill Devil, sechs oder sieben Kilometer
südlich des kleinen Fischerdorfes Kitty Hawk in Nord - Carolina. An
einem Donnerstag, dem 17.12.1903, standen Wilbur und Orville Wright früh
auf und hißten eine Signalflagge, um den Männern in der
Lebensrettungsstation von Kill Devil anzuzeigen, daß sie einen Flugversuch
unternehmen wollten. Vier Männer, ein Junge und sein Hund kamen
herüber um zuzuschauen. Einer der Männer bediente eine Kamera,
mit der das Geschehen festgehalten werden sollte.
Bald nach zehn Uhr, während eine frische Brise von Norden wehte,
wurde die letzten Vorbereitungen getroffen. Das Flugzeug, auf den Namen Flyer
getauft, war ein Doppeldecker, der das Höhenruder vorn und hinten ein
doppeltes Seitenruder hatte. Es besaß einen 12 PS starken eigenentwickelten
Benzinmotor, der auf der unteren Tragfläche montiert war und über
verkleidete Fahrradketten zwei Druckschrauben hinter den Flügeln antrieb.
Die Tragflächen selbst waren verwindbar, das heißt, man konnte
ihnen einen entgegengesetzten Ausschlag geben, so daß sie in
unterschiedliche Winkel zum Luftstrom standen.
Diese Konstruktion erlaubte es in Verbindung mit dem Seitenruder,
die Maschine zum Kurvenflug nach Belieben in Schräglage zu bringen und
bildete die wesentlichste Errungenschaft der Wrightschen Versuche zur
Flugsteuerung. Der zerbrechlich anmutende, in Wirklichkeit jedoch sehr robuste
kleine Doppeldecker konnte wegen des sandigen Bodens nicht auf Rädern
starten und landen und besaß deshalb Gleitkufen. Die Brüder hatten
die Idee gehabt, parallel zur Windrichtung etwa fünfzehn Meter lange
hölzerne Schienen zu bauen, über die ein kleiner, frei bewegliches
Laufwerk rollen konnte, auf das das Flugzeug mit seinen Landekufen gesetzt
wurde.
Der Pilot lag bäuchlings in der Mitte auf der unteren
Tragfläche. Die Maschine wurde durch einen Draht gehalten, bis der Motor
auf seine maximale Tourenzahl beschleunigt war. In diesem Augenblick löste
der Pilot den Haltedraht, und die Flyer sauste die Schiene entlang. Sobald
die Geschwindigkeit so groß war, daß die Tragfläche Auftrieb
bekamen, hob das Flugzeug vom Laufwerk ab. Vor den ersten Flugversuch, der
am 14.12.1903 stattfinden sollte, hatten die Brüder eine Münze
geworfen, um zu entscheiden, wer von ihnen starten dürfe, und Wilbur
gewann.
Er bediente die Steuerung jedoch nicht mit dem gebotenen
Fingerspitzengefühl, so daß die Maschine absackte und schon kurz
hinter der Schiene durch den Sand pflügte. Am 17.12.1903 kam Orville
an die Reihe. Gegen 10:30 Uhr war alles zum zweiten Startversuch bereit.
Orville Wright brachte den Motor auf höchste Touren; er löste den
Haltedraht; die Flyer raste über die Schiene; schon erhob sie sich in
die Luft und blieb ungefähr 12 Sekunden oben. Da sie kräftigen
Gegenwind hatte, war sie in Wirklichkeit beträchtlich weiter geflogen
als die nur knapp 70 Meter, die als Entfernung zwischen Start- und Landeplatz
über Grund gemessen wurden.
Diesem Flug folgten noch weitere Versuche. An jenem Vormittag wurden
noch drei Flüge unternommen, bei denen sich die Brüder abwechselten.
Der vierte Flug mit Wilbur als Pilot dauerte schon 59 Sekunden, in denen
eine auf dem Boden gemessene Strecke von knapp 260 Meter zurückgelegt
wurde, was mehr als 800 Meter in der Luft entsprach. Es ist interessant,
daß es bis zum November 1906 dauern sollte, bis wieder ein Mensch in
der Lage war, sich mit einem Flugzeug 12 Sekunden in der Luft zu halten.
Und erst im November 1907 gelang es jemanden, 59 Sekunden lang zu fliegen.
Das lag vor allem daran, daß die Brüder Wright erst im Jahr 1908
die praktische Fliegerei wieder aufnahmen. . Leider blieb der erhoffte
finanzielle Erfolg danach leider aus und die amerikanische Armee schlug 1905
das Angebot, Ihr Flugzeug einzusetzen, aus.

Flug des Flyers 3 - als Starthilfe wurde eine Schienenkonstruktion
gewählt.
Die Wrights wandten sich daraufhin an die brit. und franz. Regierung,
doch auch dort schlug man nicht auf das erhoffte Interesse. Am 16.10.1905
gaben die Brüder auf und unternahmen bis zum 6.5.1908 keine weiteren
Flüge bzw. gestatteten keinem Ihren "Flyer" getauftes Flugzeug zu
begutachten. Sie waren jedem anderem Flugpionier um Jahre voraus, aber keiner
sah diesen Fortschritt.
Schuld waren die Brüder hierfür zum Teil auch selbst, den
die peinlich genauen Wrights, Söhne eines Bischofs der Brüdergemeinde,
waren sittenstreng erzogen und hielten nichts davon, für Ihr Projekt
die Werbetrommel zu rühren. Es waren zwar Berichte und Fotografien Ihres
Erfolges um die Welt gegangen aber die Berichte war zum Teil nicht genau
bzw. teilweise konfus und blieben daher meist ungeachtet.
Sie legten auch zu viel Wert auf die Einreichung von Patenten, als
Ihre Erfahrungen zu veröffentlichen. Es war auch sicher aus Ihrer Sicht
verständlich Ihre Maschine vor event. Spionen und rücksichtslosen
Konkurrenten zu verstecken. Zumal die brit. Regierung verlangte, erstmal
ihr Flugzeug einer genauen Inspektion zu unterziehen, bevor überhaupt
ein event. zustandekommender Vertrag in Aussicht gestellt wurde. Doch diese
Zurückhaltung hatte nur zur Folge, daß die Entwicklung der Luftfahrt
die beiden überholte.
Erst nachdem in Europa zahllose erfolgversprechende Fluggeräte
entwickelt wurden und auch tatsächlich flogen, entschlossen sich die
Brüder Wright 1908 aus der Versenkung wieder aufzutauchen. Im Februar
hatte sie endlich erfolgreich Verträge mit der U.S. Regierung unterzeichnet
und den Lizenzbau ihrer Flyer durch eine Firma in Frankreich organisiert.
Im Mai 1908 reiste Wilbur nach Le Mans und führte dort seinen
Flyer vor, Orville zog nach Washington, um die Zweifler in der Army zu
überzeugen. Am 8. August 1908 startete Wilbur Wright vor Hunderten von
Zuschauern, den kritischsten Fluginteressenten in ganz Frankreich; er zog
in einer Minute und 45 Sek. zwei elegante Kreise und landete dann sanft.
Dieser Flug war so beeindruckend, daß er in der darauffolgenden Zeit
immer längere und höhere Flüge unternahm.
Zum ersten Mal war dem stauenden Publikum klar geworden, was es bedeutete
ein Flugzeug wirklich steuern zu können. Dieser erfolgeichen Demonstration
waren zahlreiche Studien und Verbesserungen der Flyer vorangegangen. Von
1904 mit dem Flyer II, hierauf 1905 der Flyer III, mit der es erstmals gelang
ohne weiteres eine halbe Stunde in der Luft zu bleiben. Mit diesem Typ gelang
es auch Kurven, Kreise, und Achten zu fliegen, so daß man von der Flyer
III von einem ersten funktionstüchtigen Flugzeug überhaupt sprechen
konnte. Bis September 1908 vermochte kein anderes Flugzeug,
sie in bezug auf die Flugdauer zu übertreffen.
Auch Orville feierte großen Erfolg in Washington, obwohl ein
Passagier, (der erste der bei einem Motorflug ums Leben kam) Leutnant Thomas
Selfridge, getötet wurde. Er selbst wurde bei dem Absturz schwer verletzt.
Kurz darauf wurden die ersten Flyer in Großbritannien in Serie
gebaut. Alle sechs Maschinen, gebaut in Lizenz von dem Unternehmer Eustace
Short, war schon vor der Fertigstellung verkauft. Die Brüder spornten
viele Flieger zu immer größeren Anstrengungen in vielen Ländern
an. Wilbur Wright gründete sogar in Pau in Südfrankreich eine der
ersten Motorflugschulen. Orville stieß wieder hinzu, und gemeinsam
machten die Brüder in der nachfolgenden Zeit Vorführungen in Italien
und Deutschland.
1900 bei Versuchen mit dem Flyer 1
mit verstellbare Tragflächen. Das Verwinden - zur Stabilisierung - wurde
mit den Füßen über Drähte gesteuert und gelang nicht
immer wie hier zu sehen ist.
Modell des ersten motorgetriebnen Flugzeugs
der Brüder Wright aus dem Jahr 1903 - sehr gut ist hier die
Schienenkonstruktion zu sehen.
Originalkonstruktionspläne des
Flyers 3.
Im August 1908 führte Wilbur Wright
einen Flyer, Modell 1907 in Le Mans vor und zeigt in 1909 in Pau, Frankreich,
dem engl. König Edward VII.
Wilbur Wright mit dem neuesten Modell
des Flyers in Auvours, Frankreich, Juli 1908 Nahaufnahme.
Orville Wright mit dem neuesten Modell
des Flyers in Auvours, Frankreich, Juli 1908 Nahaufnahme.
Der Wright Flyer von 1903 im National
Air and Space Museum in Washington. |